"Oder du stürzt ins Nichts" Leseprobe

Titelseite

1. Kapitel


"Ici Paris - Gare du Nord - Ici Paris - Terminus."

Endlich, ich war da. Der Zug hatte über eine Stunde Verspätung, doch nun waren wir angekommen. Ich stand auf, meine Glieder waren während der 16stündigen Fahrt ganz steif geworden; besonders die Knie schmerzten. Ich hatte kaum geschlafen, die halbe Nacht stehend auf dem Gang verbracht und in die Finsternis, die an uns vorbeizog, gestarrt. Wie immer, wenn ich in den Zug zwischen Berlin und Paris stieg, hatte es auch dieses Mal geregnet.

Diese beiden Städte sind für mich wie Umkehrpunkte eines Pendels, zwischen denen ich hin- und herschwinge, ohne zur Ruhe zu kommen. Und wenn ich die eine verlasse, um in die andere zu gelangen, regnet es jedes Mal auf der Fahrt durch die Dunkelheit.

Ich liebe diese Stunden im Vakuum, die nicht zu vergehen scheinen und mich doch unbemerkt immer weiterziehen in einen anderen Tag, in eine andere Stadt, in ein anderes Leben. Dieses Mal aber sollte das Pendel zum Stillstand kommen.

Das Rattern der Räder hatte mich in eine Art Trance versetzt. Ich stand auf dem schummrig erhellten, in braun-gelblichem Licht versunkenen Gang – allein- , denn alle anderen Reisenden schliefen zusammengekauert in ihren Sitzen - oder versuchten es zumindest. Ich aber sah aus dem verdreckten, schmierigen Fenster und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Die fünfte Dose Bier war schon fast leer. Ein unbeschreibliches Gefühl prickelte in meinem Körper, während es zur selben Zeit dumpf über mir ruhte, so dass meine Schultern niedergedrückt wurden. Es war ein Gefühl von Glück und Angst, mal das eine stärker, mal das andere dominierend.

Ich war aufgebrochen, um Berlin für immer zu verlassen, endgültig. Ich wollte raus aus dieser Stadt, die ich hasste, weg von den ewig gleichen Straßen, Kneipen und Gesichtern, die ich schon lange nicht mehr ertrug und in deren unsichtbaren Mauern sich für mich alles nur noch im Kreise drehte, ohne vorwärts zu kommen, ohne Perspektive. Weg von meinen Freunden und meiner Familie, die mich gefangen hielten in einer Vergangenheit, der ich entfliehen wollte. Die Mauern waren durchbrochen, und die Vergangenheit blieb in ihnen zurück. Ein neuer Anfang, ein neues Leben wartete auf mich. Und alles, was mich erdrückte, was mich nicht schlafen ließ und mich nächtelang durch die Straßen und Kneipen jagte, lag nun weit, weit hinter mir. Mit jeder Minute entfernte ich mich Kilometer um Kilometer von diesem alten Leben. Bald würde eine Grenze, ein anderes Land unüberbrückbar dazwischen liegen. Ich hatte es geschafft, es konnte mich nicht mehr einholen, es war unmöglich. Oder war es doch ein Fehler? Eine feige Flucht? Nein! Jetzt nur nicht zweifeln, nicht jetzt! Es war meine einzige Chance, der einzige richtige Weg.

Paris, ich komme!

Das glückliche Prickeln gewann wieder die Oberhand. Ich zündete mir eine neue Zigarette an und öffnete die letzte Dose Schultheiss, die letzte, die ich für lange Zeit trinken würde. Ich prostete meinem Gesicht im Fenster aufmunternd zu - es lächelte - und trank einen großen Schluck. Draußen dämmerte es schon, und was eben noch kaum zu ahnende Schatten waren, wurde nun zu Feldern, Bäumen, Häusern. Noch drei Stunden bis Paris. Der Alkohol und das gleichmäßige Rattern ließen mich müde werden. Ich hatte auch die letzte Dose ausgetrunken und ließ die Kippe darin verschwinden, die mit einem leisen Zischen erlosch. Ich öffnete so leise wie nur möglich die Tür zu meinem Abteil, in dem zwei Polen und drei Studenten aus Aachen schliefen, und setzte mich auf die ungemütliche Bank, um doch noch etwas zu schlafen.

Erst durch das grelle Aufschreien der Bremsen im Bahnhof wurde ich geweckt. Ich hievte meinen Rucksack aus dem Gepäcknetz und trat auf den schon überfüllten Gang. Unausgeschlafene Menschen mit grauen Gesichtern schoben sich und ihr Gepäck wie eine lose Masse den Türen entgegen, durch die uns die eisige Morgenluft entgegenschlug. Viele Schwarze und Polen waren darunter, mit riesigen Taschen und Pappkartons, Franzosen, Belgier, Deutsche. Eine Schulklasse, unruhig vor Erwartung auf die fremde Stadt, wirbelte inmitten dieser trägen Menge. Die Lehrerin versuchte ohne sichtlichen Erfolg, Ruhe und Ordnung in dieses Knäuel aus Rufen und Lachen zu bringen. Ein Junge fand seine Jacke nicht mehr und drängte von einem Abteil zum nächsten.

Vor fünf Jahren war ich auch während eines Frankreich-Austauschs zum ersten Mal in diese Stadt gekommen und wurde sofort in ihren Bann gezogen, der mich wieder und wieder zu ihr zurückkehren ließ. Nach dieser ersten kurzen Bekanntschaft mit ihr stand ich wie so oft danach am Fenster des Zuges und träumte davon, irgendwann einmal in Paris zu leben. Nun sollte dieser Traum Wirklichkeit werden.

Cécile wollte auf dem Bahnsteig auf mich warten, um mich mit ihrem kleinen, alten Simca abzuholen. Bei ihr sollte ich die ersten Tage wohnen, bis ich ein eigenes Zimmer gefunden hätte. Doch ich sah sie nicht. Wie ein kleines Kind, das im Gedränge seine Mutter verloren hat, irrte ich auf dem quai hin und her, mal nach links und nach rechts und wieder zurück. Nein, ich konnte sie nicht übersehen haben, auch wenn sie nicht sehr groß war. Als Journalistin konnte sie nie mit Sicherheit über ihre Zeit verfügen. Und im Herbst begann die Zeit der großen Demonstrationen und der Streiks, über die sie zu berichten hatte; sicher wurde sie aufgehalten. So ging ich zunächst zu einem der Kioske, um mir eine Le Monde zu kaufen, und schleppte mich mit meinem 70-Liter-Rucksack über den gesamten Bahnhof zur Terrasse des Cafés, wo ich mir einen express und croissants bestellte.

Dabei musste ich eine routinemäßige Paßkontrolle der CRS über mich ergehen lassen. Diese Männer in ihren blauen Kampfanzügen und mit den geschulterten Gewehren, die in Fünfer- oder Zehnergruppen auf der Gare du Nord und sicherlich auch auf den anderen Bahnhöfen patrouillierten (in der métro übernahmen Polizisten diese Schikane), gaben einem das Gefühl, in Lateinamerika und nicht mitten in Europa gelandet zu sein. Jacques Chirac und seine konservative RPR, die Paris regierten, wollten ihre Stärke und ihren Willen, für Law and Order zu sorgen, demonstrieren, doch dieser Aufmarsch bewies eher ihre Ohnmacht und Unsicherheit: Man musste schon sehr dumm sein, ihnen in die Hände zu fallen, wenn einem die Papiere fehlten, um sich korrekt auszuweisen. Politische Operette und doch nicht ohne Wirkung auf die unfreiwilligen Statisten.

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